Low Carb und Intervallfasten bei Lipödem -sinnvoll oder nicht?
Low Carb und Intervallfasten bei Lipödem -sinnvoll oder nicht?
Low Carb, Keto oder Intervallfasten bei Lipödem? Erfahre, was Studien und Leitlinie sagen und warum Kohlenhydrate nicht grundsätzlich schlecht sind.
Ein Wunschthema aus den Reihen meines Lipödem Stammtisches. Da ich selbst die Frage mir lange Zeit gestellt habe, mir keiner wirklich geholfen hat, social Media und das Internet mich nur weiter verwirrt haben, hab ich mich selbst in das Thema reingearbeitet und mit verschiedenen Coaches, Ärzten, Sportmedizinern und Fachleuten gesprochen und mich mit Studien befasst.
„Bei Lipödem solltest du möglichst wenig Kohlenhydrate essen.“
„Halte dein Insulin niedrig.“
„Mach 16:8.“
„Am besten Keto.“
Solche Empfehlungen begegnen wir Frauen mit Lipödem immer wieder.
Und ganz falsch ist der Gedanke dahinter nicht: Es gibt inzwischen tatsächlich Studien, in denen kohlenhydratreduzierte bzw. ketogene Ernährungsformen bei Frauen mit Lipödem positive Ergebnisse gezeigt haben.
Aber heißt das automatisch: Je weniger Kohlenhydrate, desto besser?
Oder: Je länger ich faste, desto besser für mein Lipödem?
Und genau hier möchte ich differenzieren. Denn neben der Diagnose Lipödem gibt es noch etwas, das wir nicht vergessen dürfen: den individuellen Energiebedarf unseres Körpers.
Was sagt die aktuelle Lipödem-Leitlinie?
Die deutsche S2k-Leitlinie Lipödem beschäftigt sich ausdrücklich mit Ernährung, das finde ich schon mal einen wichtigen Ansatz.
Sie empfiehlt unter anderem, starke Blutzucker- und Insulinspitzen zu vermeiden und ausreichende Pausen zwischen den Mahlzeiten einzuhalten. Das gilt allerdings nicht nur bei Lipödem, sondern grundsätzlich für unsere Stoffwechselgesundheit. Denn dauerhaft hohe Insulinspiegel können die Fettspeicherung (Lipogenese) fördern und gleichzeitig den Fettabbau hemmen. Zudem kann Insulin die Natriumrückresorption in der Niere erhöhen – und damit auch die Wasserbindung begünstigen.
Wichtig: Insulin ist nicht „schlecht“ und ein Anstieg nach dem Essen völlig normal. Ziel ist nicht, Kohlenhydrate zu vermeiden, sondern starke und dauerhaft erhöhte Blutzucker- und Insulinwerte zu reduzieren und eine gute Insulinsensitivität zu unterstützen.
Gleichzeitig wird eine langfristig umsetzbare Ernährungsumstellung gegenüber kurzfristigen Diäten empfohlen. Auch die mediterrane Ernährung wird aufgrund ihrer antiinflammatorischen Eigenschaften genannt. Spannend ist: Sogar eine ketogene Ernährung kann laut Leitlinie eine mögliche Option darstellen.
Beschrieben wurden unter anderem gewichtsreduzierende, entzündungshemmende und symptomreduzierende Effekte.
Das Wort, das wir dabei aber nicht überlesen sollten, lautet: KANN.
Nicht jede Frau mit Lipödem MUSS sich ketogen ernähren. Für mich persönlich war es nicht die richtige Ernährungsform und ich empfehle diese auch nicht pauschal. Denn entscheidend ist nicht ein bestimmtes Ernährungskonzept, sondern ob es zu deinem Energiebedarf, deinem Alltag, deiner Aktivität und deinem Stoffwechsel passt – und langfristig umsetzbar ist.
Ist Low Carb bei Lipödem sinnvoll?
Eine randomisierte kontrollierte Studie aus dem Jahr 2024 untersuchte 70 Frauen mit Lipödem und Adipositas.
Über acht Wochen erhielten die Teilnehmerinnen entweder eine kohlenhydratarme Ernährung oder eine Kontrollernährung – beide mit einer Energiezufuhr von 1.200 kcal täglich.
Die Low-Carb-Gruppe verlor stärker an Gewicht und zeigte auch eine stärkere Reduktion der aktuellen Schmerzen. Das ist spannend.
Aber auch hier müssen wir genau hinschauen:
Die Teilnehmerinnen hatten zusätzlich Adipositas, die Untersuchung dauerte lediglich acht Wochen und beide Gruppen befanden sich in einer deutlichen Kalorienrestriktion.
Wir können daraus also nicht ableiten: „Low Carb ist grundsätzlich die beste Ernährung für jede Frau mit Lipödem.“
Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2024 untersuchte sieben Studien mit insgesamt 329 Frauen mit Lipödem, die eine Low-Carb-High-Fat-/ketogene Ernährung erhielten.
Dabei wurden unter anderem Verbesserungen bei Gewicht, BMI, Körperumfängen und Schmerz beobachtet. Die Autoren betonen allerdings selbst die noch begrenzte Studienlage.
Und genau das bestätigt ein neuer systematischer Review aus dem Jahr 2025:
Neun Studien mit insgesamt 269 Frauen wurden ausgewertet. Zwar zeigten sich in verschiedenen Untersuchungen Verbesserungen bei Gewicht und Körperzusammensetzung und teilweise auch bei Schmerzen, Entzündung und Lebensqualität.
Aufgrund der unterschiedlichen Studiendesigns und des Verzerrungsrisikos bewerten die Autoren die Gesamtevidenz jedoch weiterhin als nicht eindeutig.
Low Carb/Keto ist damit eine interessante Option – aber kein allgemeingültiges Lipödem-Ernährungsgesetz.
Und hier gibt es einen interessanten Ansazt
Der Ernährungswissenschaftler Jürg Hösli beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Zusammenspiel aus Ernährung, Stoffwechsel, Stress und körperlicher Leistungsfähigkeit. Ich selbst war bei ihm in der Schweiz und habe sogar einen Podcast mit ihm aufgenommen zum Thema Lipödem: https://open.spotify.com/episode/2nEK5froxMIMtU9wkCy6JQ?si=b7c5c6b12a4f471f
Ein zentraler Gedanke seiner Arbeit ist: Ernährung darf nicht losgelöst von der Belastung eines Menschen betrachtet werden.
Wie viel bewegt sich jemand?
Wie intensiv trainiert er?
Wie hoch ist die psychische Belastung?
Wie gut regeneriert der Körper?
Wie viel Energie wird tatsächlich aufgenommen?
Und genau diese Fragen finde ich auch beim Lipödem unglaublich wichtig.
Denn ich sehe bei Frauen häufig nicht nur ein „zu viel“.
Ich sehe auch: zu wenig Energie. Zu wenig Kohlenhydrate. Mahlzeiten werden ausgelassen.
Fastenfenster werden immer länger. Zusätzlich wird Sport gemacht.
Und gleichzeitig soll der Körper funktionieren, regenerieren und leistungsfähig bleiben?
Sind Kohlenhydrate bei Lipödem schlecht?
Gerade beim Lipödem werden Kohlenhydrate häufig sehr pauschal reduziert. Dabei sollten wir viel stärker auf den individuellen Energiebedarf schauen. Wer körperlich aktiv ist (was bei Lipödem absolut zu empfehlen ist), Sport treibt oder im Alltag stark gefordert ist (das unterschätzen wir nämlich massiv), braucht ausreichend Energie – und Kohlenhydrate können dabei eine wichtige Rolle spielen.
Dabei gilt: Kohlenhydrate sind nicht gleich Kohlenhydrate.
Süßigkeiten, Softdrinks, Weißmehl und stark verarbeitete Lebensmittel wirken auf unseren Stoffwechsel anders als Kartoffeln, Haferflocken, Obst, Hülsenfrüchte, Buchweizen, Quinoa oder Reis.
Deshalb halte ich es für falsch, Frauen mit Lipödem grundsätzlich Angst vor Kohlenhydraten zu machen. Entscheidend sind Qualität, Menge und der individuelle Bedarf – nicht das pauschale Weglassen.
Gerade bei Sport verändert sich die Situation
Dieser Punkt ist mir besonders wichtig. Denn auch das durfte ich die letzten Monate nochmal extrem lernen.
Wenn eine Frau dreimal pro Woche intensiv Sport macht, Rad fährt, läuft oder Krafttraining betreibt, hat ihr Körper einen anderen Energiebedarf als bei überwiegend sitzendem Alltag. Wie oben bereits erwähnt, Sport ist ein essentiell wichtiger Punkt beim Lipödem und darüber lässt sich nicht diskutieren - diesen brauchen wir.
Kohlenhydrate spielen dann aber insbesondere bei höheren Trainingsintensitäten eine wichtige Rolle für die Energiebereitstellung.
Und hier warne ich deshalb ausdrücklich davor, intensive Trainingsbelastung mit einer dauerhaft sehr niedrigen Kohlenhydratzufuhr zu kombinieren.
Das finde ich enorm wichtig für unsere Lipödem-Community. Training braucht auch Energie.
Mehr Sport + weniger essen + weniger Kohlenhydrate + längere Fastenfenster ist deshalb nicht automatisch die bessere Strategie. Im Gegenteil: Bei dauerhaft zu geringer Energiezufuhr kann daraus zusätzlicher physiologischer Stress für den Körper entstehen.
Was passiert, wenn wir zu wenig Kohlenhydrate essen?
Unser Körper ist unglaublich anpassungsfähig und es braucht lange bis er nicht mehr kompensieren kann und wirklich Probleme auftreten.
Steht nicht ausreichend Glukose über die Nahrung zur Verfügung, kann der Körper Glukose selbst herstellen. Dieser Vorgang heißt Gluconeogenese.
Dafür können beispielsweise Lactat, Glycerin und glucogene Aminosäuren genutzt werden.
Das ist ein völlig normaler Stoffwechselprozess.
Er zeigt aber auch: Unser Körper besitzt einen Bedarf an Glukose für bestimmte Gewebe und Funktionen und stellt diese bei Bedarf selbst her. Deshalb ergibt für mich die pauschale Aussage
„Kohlenhydrate braucht der Mensch nicht“ in der praktischen Ernährungsberatung wenig Sinn.
Die viel spannendere Frage lautet:
Wie viele Kohlenhydrate braucht genau dieser Mensch unter seiner aktuellen körperlichen und psychischen Belastung?
Also sind wir hier wieder bei meinem Lieblingssatz: weg von "Ich verbiete mir was", hin zu: "was kann ich meinem Körper gutes tun und wie"?
Ist Intervallfasten bei Lipödem sinnvoll?
Auch Intervallfasten sehe ich nicht grundsätzlich als gut oder schlecht. Die Lipödem-Leitlinie spricht von ausreichenden Pausen zwischen den Mahlzeiten – sie schreibt aber nicht vor, dass Frauen mit Lipödem 16:8 fasten müssen. Und das ist ein großer Unterschied.
Gerade lange Fastenfenster sehe ich kritisch, wenn dadurch morgens kaum Energie aufgenommen und ein Großteil der Nahrung auf die zweite Tageshälfte verschoben wird.
Genau dieses Muster sehe ich häufig in meinen Beratungen:
Morgens nichts. Mittags wenig. Nachmittags irgendwie durchhalten. Und abends? Riesenhunger.
Wer kennt das?
Werden über längere Zeit zu wenig Energie und Nährstoffe aufgenommen, kann das Heißhunger und Essanfälle (Binge eating) begünstigen – gerade bei Frauen, die ohnehin schon lange restriktiv essen oder Diäterfahrungen mitbringen.
Auch hormonell sollten wir bei Frauen genauer hinschauen. Nicht das Fasten an sich ist automatisch hormonell problematisch, wohl aber eine dauerhaft zu geringe Energieverfügbarkeit. Diese kann unter anderem die hormonelle Regulation und den Menstruationszyklus beeinflussen. Besonders bei sportlich aktiven Frauen ist das ein wichtiger Punkt.
Deshalb bin ich kein Fan davon, jeder Frau pauschal 16:8 oder noch längere Fastenfenster zu empfehlen. Fasten sollte sich dem Körper anpassen – nicht der Körper dem Fasten.
Vielleicht brauchen wir nicht weniger Mahlzeiten – sondern bessere Mahlzeiten
Ich finde deshalb einen anderen Ansatz viel spannender:
Versorge deinen Körper dann, wenn er Energie benötigt mit den richtigen LEBENSmitteln.
Eine Frau, die morgens Hunger hat und vormittags leistungsfähig sein muss, muss sich nicht zwingen, bis 12 Uhr zu fasten, nur weil 16:8 gerade als gesund gilt.
Genauso muss eine Frau ohne Hunger am frühen Morgen nicht um 7 Uhr ein riesiges Frühstück essen.
Allerdings sollte man hier genauer hinschauen: „Kein Hunger“ bedeutet nicht automatisch, dass der Körper keine Energie benötigt. Ein fehlendes Hungergefühl kann beispielsweise auch durch Stress, einen dauerhaft hohen Sympathikustonus oder ein über längere Zeit restriktives Essverhalten beeinflusst werden. Der Körper kann sich an unregelmäßige oder sehr geringe Energiezufuhr anpassen und Hungersignale können dadurch weniger deutlich wahrgenommen werden.
Deshalb lohnt es sich, nicht nur auf Hunger zu schauen, sondern auch auf
Energie,
Leistungsfähigkeit,
Schlaf,
Zyklus,
Stimmung und Heißhunger im späteren Tagesverlauf.
Wir müssen einfach wieder individueller hinschauen. Bei manchen Menschen können drei gut zusammengestellte Mahlzeiten mit entsprechenden Pausen wunderbar funktionieren.
Bei einer sehr aktiven Frau kann zusätzlich eine sinnvoll zusammengestellte Zwischenmahlzeit vor oder nach dem Training absolut sinnvoll sein.

Worauf würde ich bei Lipödem achten?
Nicht zuerst auf die Frage:
Low Carb – ja oder nein?
Ich schaue in meinen Coachings ganz gezielt auf das Gesamtbild.
Wie hoch ist dein tatsächlicher Energiebedarf?
Wie viel bewegst du dich?
Wie intensiv trainierst du?
Wie hoch ist deine psychische Belastung?
Wie ist deine Regeneration?
Wie ist dein Schlaf?
Hast du Heißhunger?
Wie ist deine Verdauung?
Bekommst du ausreichend Protein?
Wie sieht deine Versorgung mit Mikronährstoffen aus?
Wie reagierst du auf unterschiedliche Kohlenhydratmengen?
Und natürlich:
Wie entwickeln sich deine Lipödem-Beschwerden?
Mein Fazit
Low Carb kann bei Lipödem funktionieren.
Eine ketogene Ernährung kann bei bestimmten Frauen ebenfalls eine therapeutische Option sein. Dafür gibt es mittlerweile erste interessante wissenschaftliche Daten.
Aber:
Low Carb ist kein Muss.
Und Intervallfasten ist ebenfalls kein Muss.
Gerade bei körperlich aktiven oder stark belasteten Frauen sollten wir nicht vergessen, dass unser Körper ausreichend Energie für Leistung und Regeneration benötigt.
Hier finde ich den Ansatz von Jürg Hösli sehr wertvoll: Nicht irgendeiner Ernährungsreligion folgen die gerade wieder gehypt wird in den sozialen Medien von angeblichen Coaches, Lipödem Betroffenen oder anderen schlauen Influencern.
Ernährung sollte an den Menschen angepasst sein, an seine Belastung und an seinen Stoffwechsel.
Und genau das ist auch meine Botschaft:
Dein Körper braucht nicht automatisch weniger Essen.
Er braucht die richtigen Nährstoffe, in einer für dich passenden Menge und zu einem Zeitpunkt, an dem er sie auch gebrauchen kann.
Vielleicht sollten wir deshalb bei Lipödem nicht mehr fragen: „Welche Diät ist die beste?“
Sondern: „Was braucht MEIN Körper eigentlich?“
Und genau da beginnt für mich individuelles Health Coaching.
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Denn genau darum geht es mir: weg von pauschalen Ernährungsempfehlungen und Verboten – hin zu einem besseren Verständnis für deinen eigenen Körper.
Health & Empowerment – Verstehe deinen Körper. Lebe deine Stärke.
Quellen & weiterführende Literatur
• S2k-Leitlinie Lipödem, AWMF-Registernummer 037-012, Version 5.0, 2024.
• Lundanes et al. (2024): Effect of a low-carbohydrate diet on pain and quality of life in female patients with lipedema: a randomized controlled trial. Obesity.
• Amato et al. (2024): The Efficacy of Ketogenic Diets (Low Carbohydrate; High Fat) as a Potential Nutritional Intervention for Lipedema: A Systematic Review and Meta-Analysis. Nutrients 16(19), 3276.
• Clinical or cultural? Dietary interventions for lipedema: a systematic review. Maturitas, 2025.
• Hösli, J.: Die Wahrheit über Kohlenhydrate. erpse Publishing.
• Jürg Hösli / erpse Institut: Veröffentlichungen und Beiträge zu Ernährungsdiagnostik, Kohlenhydraten, Stress, Stoffwechsel und körperlicher Leistungsfähigkeit.



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