Lipödem und Trinken: Viel, wenig oder doch ganz normal – wie viel Wasser ist wirklich sinnvoll?
„Du musst viel trinken, damit dein Körper das Wasser ausschwemmen kann.“
Diesen Satz haben wahrscheinlich viele Frauen mit Lipödem schon einmal gehört.
Genauso hört man aber auch das Gegenteil:
„Wenn du Wassereinlagerungen hast, solltest du nicht so viel trinken.“
Was stimmt denn nun? Und wie viel sollte man bei Lipödem wirklich trinken?
Gerade beim Lipödem hält sich hartnäckig die Vorstellung, dass möglichst viel Wasser automatisch den Lymphfluss ankurbelt und Wassereinlagerungen reduziert.
So einfach funktioniert unser Flüssigkeitshaushalt allerdings nicht.
Und genau deshalb möchte ich in diesem Artikel einmal genauer hinschauen.
Lipödem betrifft viele Frauen – trotzdem gibt es noch viele Mythen
Wie viele Frauen tatsächlich von einem Lipödem betroffen sind, war lange unklar. In der Literatur wurden teilweise sehr unterschiedliche Zahlen genannt.
Eine 2026 veröffentlichte deutsche Untersuchung hat nun Abrechnungsdaten von 8,7 Millionen Versicherten ausgewertet.
Die Forschenden errechneten für 2021 eine Prävalenz von etwa 0,95 %. Hochgerechnet wären das ungefähr 338.200 betroffene Frauen in Deutschland.
Interessant ist außerdem: Zwischen 2017 und 2021 nahm die dokumentierte Prävalenz in dieser Datengrundlage um 123,5 % zu.
Das zeigt auch, wie relevant Aufklärung über das Lipödem ist.
Und zu dieser Aufklärung gehört für mich, mit einigen hartnäckigen Mythen aufzuräumen
Das bedeutet:
Die Volumenzunahme beim Lipödem besteht nicht einfach aus Wasser, das wir durch besonders viel Trinken wieder „ausschwemmen“ können.
Lipödem und Lymphödem sind außerdem nicht dasselbe.
Das ist gerade für das Thema Flüssigkeit entscheidend.
Eine interessante Studie aus dem Jahr 2024 verglich Frauen mit Lipödem, Frauen mit Lymphödem und Kontrollpersonen.
Insgesamt wurden 111 Frauen untersucht. Das sind natürlich erstmal nicht viele Frauen aber es zeigt eine Richtung.
Das Ergebnis:
In den Beinen lag das gemessene Gesamtwasser bei den Frauen mit
Lymphödem bei durchschnittlich 9,6 Litern,
Lipödem bei 7,4 Litern,
Kontrollpersonen bei 7,5 Litern.
Auch bei der extrazellulären Flüssigkeit zeigte sich ein deutlicher Unterschied:
Lymphödem: 4,6 Liter
Lipödem: 3,4 Liter
Kontrollgruppe: 3,5 Liter
Das Spannende daran:
Die Frauen mit Lipödem lagen hinsichtlich dieser Flüssigkeitsmessungen sehr nah an der Kontrollgruppe, während beim Lymphödem deutlich höhere Werte gemessen wurden.
Das unterstreicht, warum wir Lipödem nicht einfach mit „zu viel Wasser in den Beinen“ gleichsetzen sollten.
Aber braucht die Lymphe nicht Wasser?
Natürlich benötigt unser Körper ausreichend Flüssigkeit.
Wasser ist Bestandteil unserer Zellen, unseres Blutes und unserer Körperflüssigkeiten. Es dient unter anderem als Transport- und Lösungsmittel und hilft bei der Regulation unserer Körpertemperatur.
Unser Körper besteht ungefähr zur Hälfte aus Wasser.
Aber daraus folgt nicht: Je mehr ich trinke, desto besser fließt meine Lymphe.
Unser Wasserhaushalt wird über ein komplexes Zusammenspiel unter anderem von Nieren, Hormonen und Elektrolyten reguliert.
Wer ausreichend mit Flüssigkeit versorgt ist, bekommt deshalb nicht automatisch einen zusätzlichen Nutzen für das Lymphsystem, indem einfach noch ein oder zwei Liter Wasser zusätzlich getrunken werden.
Mehr ist nicht automatisch besser.
Sollte ich bei Lipödem also weniger trinken?
Auch das wäre die falsche Schlussfolgerung.
Ohne medizinischen Grund die Flüssigkeitszufuhr stark einzuschränken, ist keine sinnvolle Strategie gegen ein Lipödem.
Zu wenig Flüssigkeit kann unter anderem Leistungsfähigkeit, Kreislauf und Wohlbefinden beeinträchtigen.
Die richtige Frage lautet deshalb nicht:
„Muss ich mit Lipödem besonders viel oder besonders wenig trinken?“
Sondern:
„Wie viel Flüssigkeit braucht mein Körper tatsächlich?“
Wie viel sollte man bei Lipödem trinken?
Für gesunde Erwachsene empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung als allgemeine Orientierung rund 1,5 Liter Getränke täglich.
Das bedeutet allerdings nicht, dass unser Körper insgesamt nur 1,5 Liter Wasser erhält.
Ein Teil unseres Wasserbedarfs wird nämlich über Lebensmittel gedeckt.
Die DGE geht davon aus, dass ungefähr ein Drittel der benötigten Wassermenge über feste Nahrung aufgenommen wird – insbesondere über wasserreiche Lebensmittel wie Obst und Gemüse.
Für Erwachsene zwischen 25 und unter 51 Jahren nennt die DGE beispielsweise als Richtwerte ungefähr:
1.410 ml über Getränke
860 ml über feste Nahrung
zusätzlich entsteht sogenanntes Oxidationswasser im Stoffwechsel.
Insgesamt ergibt sich daraus in der Referenzberechnung eine Gesamtwasserzufuhr von ungefähr 2,6 Litern pro Tag.
Das zeigt sehr schön: Trinkmenge und gesamte Wasserzufuhr sind nicht dasselbe.
Wann brauchen wir mehr Flüssigkeit?
Die berühmten 1,5 Liter sind keine starre Obergrenze.
Unser Flüssigkeitsbedarf kann deutlich steigen.
Zum Beispiel bei:
Sport
starkem Schwitzen
hohen Außentemperaturen
körperlicher Arbeit
trockener Luft
Fieber
Durchfall oder Erbrechen
höherem Energieumsatz.
Wer im Sommer mehrere Stunden Fahrrad fährt, benötigt selbstverständlich mehr Flüssigkeit als jemand, der einen ruhigen Tag im Büro verbringt. Dann bitte unbedingt auch an Elektrolyste denken.
Genau deshalb halte ich wenig von pauschalen Empfehlungen wie:
„Jede Frau mit Lipödem muss mindestens drei Liter am Tag trinken.“
Der Bedarf sollte zur individuellen Situation passen.
Und was ist mit 30–40 ml pro Kilogramm Körpergewicht?
Solche Formeln begegnen mir ebenfalls immer wieder. Sie können eine grobe Orientierung liefern, sind aber keine spezielle Trinkempfehlung für Frauen mit Lipödem.
Der Flüssigkeitsbedarf hängt nicht ausschließlich vom Körpergewicht ab.
Aktivität, Temperatur, Ernährung, Energieumsatz, Schweißverlust, Gesundheitszustand und weitere Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle.
Eine pauschale Rechnung kann diese Unterschiede nicht vollständig abbilden.
Kann viel Trinken Wassereinlagerungen reduzieren?
Hier steckt wahrscheinlich einer der größten Irrtümer.
Unser Körper funktioniert nicht wie ein Abfluss, den wir mit möglichst viel Wasser durchspülen können.
Der Flüssigkeitshaushalt im Gewebe wird durch verschiedene Systeme beeinflusst.
Dazu gehören unter anderem:
Blutgefäße und Mikrozirkulation
Lymphsystem
Nieren
hormonelle Regulation
Elektrolythaushalt
Bewegung und Muskelaktivität.
Wer ausreichend versorgt ist, muss deshalb nicht zusätzlich literweise Wasser trinken, um vermeintliche Wassereinlagerungen „herauszuspülen“. Und gerade beim Lipödem dürfen wir nicht vergessen: Mehr Beinumfang bedeutet nicht automatisch mehr Wasser.
Ein Punkt, über den wir zu wenig sprechen: Essen Frauen mit Lipödem vielleicht teilweise zu wenig?
Dieser Punkt liegt mir besonders am Herzen.
Viele Frauen mit Lipödem beschäftigen sich über Jahre mit ihrem Gewicht.
Kalorien reduzieren. Kohlenhydrate reduzieren. Noch weniger essen. Low Carb. Vielleicht sogar Keto.
Die Hoffnung dahinter ist verständlich: Wenn ich weniger esse und vor allem Kohlenhydrate reduziere, müsste doch auch mein Gewicht und das Volumen an meinen Beinen zurückgehen.
Aber unser Stoffwechsel ist komplexer.
Und insbesondere Kohlenhydrate sollten wir beim Thema Wasserhaushalt nicht pauschal zum Feind erklären.
Was passiert, wenn wir sehr wenig Kohlenhydrate essen?
Unser Körper benötigt kontinuierlich Glukose für bestimmte Gewebe und Stoffwechselprozesse.
Bekommen wir über die Nahrung nur sehr wenige Kohlenhydrate, kann der Körper Glukose selbst herstellen.
Dieser Prozess heißt Glukoneogenese.
Dabei kann Glukose unter anderem aus Aminosäuren, Laktat und Glycerin gebildet werden. Das ist zunächst nichts Krankhaftes, sondern ein vollkommen normaler und lebenswichtiger Stoffwechselweg.
Untersuchungen zeigen allerdings, dass die Glukoneogenese bei sehr kohlenhydratarmer Ernährung zunimmt.
Gleichzeitig verändern sich bei starker Kohlenhydratrestriktion Insulin, Glukagon, Glykogenspeicher sowie der Wasser- und Elektrolythaushalt.
Führt Glukoneogenese zu Wassereinlagerungen?
Hier möchte ich ganz bewusst differenzieren.
Man liest immer wieder:
„Wenn du zu wenig Kohlenhydrate isst, muss dein Körper über Cortisol Glukose herstellen – und Cortisol lässt dich Wasser einlagern.“
Das klingt zunächst logisch, ist wissenschaftlich in dieser direkten Kausalkette aber nicht ausreichend belegt.
Was wir wissen:
Eine starke Kohlenhydratreduktion kann die Glukoneogenese erhöhen. Es gibt außerdem Hinweise darauf, dass sehr kohlenhydratarme Ernährungsformen zumindest kurzfristig die Cortisolantwort verändern können.
Cortisol wiederum ist an vielen Stoffwechselprozessen beteiligt und beeinflusst auch den Flüssigkeits- und Elektrolythaushalt.
Aber daraus können wir nicht pauschal ableiten:
Wenig Kohlenhydrate = Glukoneogenese = Wassereinlagerungen.
Zu Beginn einer sehr kohlenhydratarmen Ernährung passiert häufig sogar das Gegenteil: Durch Veränderungen von Insulin, Natriumausscheidung und Glykogenspeichern verliert der Körper zunächst Wasser.
Kohlenhydrate binden Wasser – und das ist nichts Schlechtes
Unser Körper speichert Kohlenhydrate in Form von Glykogen, vor allem in Muskulatur und Leber.
Mit gespeichertem Glykogen wird auch Wasser gebunden – grob etwa drei Gramm Wasser pro Gramm Glykogen.
Wer sehr wenig Kohlenhydrate isst, leert einen Teil dieser Speicher und verliert damit auch Wasser.
Wer anschließend wieder mehr Kohlenhydrate isst, füllt seine Speicher auf – und Wasser wird wieder mit eingelagert.
Plötzlich zeigt die Waage vielleicht ein oder zwei Kilogramm mehr.
Das bedeutet aber nicht, dass du über Nacht ein oder zwei Kilogramm Fett aufgebaut hast.
Und es bedeutet auch nicht automatisch, dass dein Lipödem schlechter geworden ist.
Das ist normale Physiologie.
Warum ich trotzdem nicht jeder Frau mit Lipödem Low Carb empfehlen würde
Ich erlebe immer wieder Frauen, die jahrelang versuchen, möglichst wenig zu essen.
Und Kohlenhydrate werden häufig als Erstes gestrichen.
Dabei sollten wir uns insbesondere bei einer aktiven Frau irgendwann fragen:
Bekommt dieser Körper eigentlich noch genug Energie?
Kohlenhydrate sind nicht grundsätzlich schlecht. Gerade bei Sport und intensiver Bewegung sind sie ein wichtiger Energieträger und helfen dabei, die Glykogenspeicher wieder aufzufüllen.
Deshalb möchte ich weder sagen:
„Frauen mit Lipödem müssen viele Kohlenhydrate essen.“
noch:
„Frauen mit Lipödem sollten möglichst wenig Kohlenhydrate essen.“
Für mich lautet die viel wichtigere Frage:
Ist dein Körper ausreichend mit Energie, Protein, Kohlenhydraten, Fetten, Mikronährstoffen und Flüssigkeit versorgt – passend zu deinem Alltag und deiner Aktivität?
Denn dauerhaft immer weniger zu essen ist nicht automatisch die bessere Strategie.
Vielleicht sollten wir uns bei Lipödem deshalb manchmal weniger fragen:
„Was kann ich noch weglassen?“
Und stattdessen häufiger:
„Ist mein Körper eigentlich ausreichend versorgt?“
Was unterstützt den Flüssigkeits- und Lymphhaushalt bei Lipödem?
Ich würde deshalb bei Lipödem niemals nur auf die Trinkflasche schauen.
Unser Körper funktioniert als Gesamtsystem.
Regelmäßige Bewegung und Muskelaktivität sind wichtig. Langes Sitzen oder Stehen immer wieder zu unterbrechen, kann ebenfalls sinnvoll sein.
Je nach individuellem Befund spielen außerdem Kompression und weitere konservative therapeutische Maßnahmen eine Rolle.
Die aktuelle deutsche S2k-Leitlinie zum Lipödem betont zudem die Bedeutung eines aktiven Lebensstils und einer gesunden Ernährung als Bestandteil des Gesamtkonzepts.
Und natürlich gehört auch ausreichendes Trinken dazu.
Aber eben: bedarfsgerecht statt „viel hilft viel“.
Was trinke ich am besten bei Lipödem?
Meine Basis wäre ganz einfach: Wasser und ungesüßte Kräuter- oder Früchtetees.
Auch Kaffee sowie schwarzer und grüner Tee können grundsätzlich zur Flüssigkeitsbilanz gezählt werden.
Die DGE empfiehlt vor allem Wasser und andere kalorienfreie Getränke und rät von zuckergesüßten Getränken als regelmäßige Durstlöscher ab. Dazu gehörten für mich auch sämtliche "kalorienfreie" Zusatzstoffe die dem Wasser Geschmack liefern. Denn diese können Langfristig den Darm belasten. Das wäre aber gleich ein anderes Thema was ich hier jetzt an dieser Stelle nicht thematisieren möchte.
Ob stilles Wasser oder Mineralwasser besser ist, spielt für die Flüssigkeitsversorgung übrigens keine entscheidende Rolle.
Wichtiger ist, dass du regelmäßig und ausreichend trinkst.
Mein Fazit: Wie viel trinken bei Lipödem?
Wenn du Lipödem hast, musst du weder deine Trinkmenge drastisch reduzieren noch zwanghaft drei oder vier Liter Wasser trinken.
Ausreichend trinken: ja.
Absichtlich zu wenig trinken: nein.
Unnötig riesige Mengen trinken: ebenfalls nein.
Die rund 1,5 Liter Getränke pro Tag sind eine gute allgemeine Basisorientierung für gesunde Erwachsene unter normalen Bedingungen.
Bei Sport, Hitze oder starkem Schwitzen steigt dein Bedarf.
Und gerade beim Lipödem sollten wir aufhören, jedes zusätzliche Volumen in den Beinen automatisch mit „Wasser“ gleichzusetzen.
Eine aktuelle Untersuchung zur Körperzusammensetzung liefert dafür sogar spannende Daten: Während Frauen mit Lymphödem deutlich mehr Flüssigkeit in den Beinen aufwiesen, lagen die untersuchten Frauen mit Lipödem bei den Flüssigkeitswerten sehr nah an der gesunden Kontrollgruppe.
Für mich ist deshalb die wichtigste Botschaft:
Trinke nicht möglichst viel. Trinke so viel, wie dein Körper entsprechend deiner individuellen Situation benötigt.
Unser Körper ist komplex.
Und genau deshalb lohnt es sich, ihn zu verstehen, statt nur pauschalen Regeln zu folgen.
Verstehe deinen Körper. Lebe deine Stärke.
Health & Empowerment
Pfiadi, deine Stephanie

Quellen
Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): Referenzwerte für Wasserzufuhr und Empfehlungen zur täglichen Trinkmenge.
Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE): „Am besten Wasser trinken“ – rund 1,5 Liter Getränke täglich als allgemeine Orientierung für gesunde Erwachsene.
Stellmaker R, Thompson B, Mackie H, Koelmeyer L. Comparison of fluid and body composition measures in women with lipoedema, lymphoedema, and control participants. Clinical Obesity. 2024.
Aitzetmüller-Klietz ML et al. Lipödem – eine verborgene Erkrankung mit einer Prävalenz von 0,95 % – basierend auf 8,7 Millionen Versicherten. Handchirurgie, Mikrochirurgie, Plastische Chirurgie. 2026.
AWMF: S2k-Leitlinie Lipödem, Registernummer 037-012, Version 5.0.



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